Lübecker Skyline

Wandern von Lübeck bis Celle (Jakobsweg in Deutschland)

Einführung

Wer vom Jakobsweg spricht, meint mehrheitlich „DEN JAKOBSWEG“, der von Frankreich über die Pyrenäen durch Spanien nach Santiago De Compostela führt. Heutzutage eine „Wanderautobahn“, die touristisch vermarktet wird und nicht mehr dem „Pilger“ oder dem „Suchenden“ gehört.

Vor Jahren hatte ich mir zum Ziel gesetzt, diesen Weg zu gehen. Während meiner Berufszeit machte ich mich jedes Jahr eine Woche auf den Weg von Basel nach Genf. Im Jahr 2011 erreichte ich Genf. Jedes mal war es eine anstrengende, erlebnisreiche aber auch erholsame Woche.

Immer wieder wurde ich nach meiner Motivation, nach dem Sinn dieser Wanderung gefragt. Ist es eine spirituelle, eine gläubige Antriebsfeder oder die Herausforderung als solches? Für mich war und ist es die dritte Variante. Es war und ist die körperliche wie mentale Herausforderung. Und ich erfuhr mehrmals, der Mensch ist zu mehr fähig als er meint. Oft gab es Momente in denen ich mich fragte, was mach ich hier? Oder ich sass einsam auf einer Bank und liess meinen Gefühlen freien Lauf. Letztendlich spendete ich mir immer selber die Kraft, diese Momente zu überstehen

Auch die Kontakte mit den unterschiedlichsten Menschen die ich unterwegs getroffen hatte, waren spannend. Bei der jetzigen Wanderung die 3 Wochen gedauert hatte (geplant waren mindestens 3-4 Monate), bemerkte ich, dass es eine grössere Herausforderung war, wie nur bei einer Woche.

Im Jahr 2015 war ich erneut drei Tage auf dem Weg der Kantonsgrenze des Kantons Basel-Land unterwegs. Es war heiss und die wenigen „Tankstellen“ für Körper, Geist und Seele hatten meist Wirtesonntag. So lebte ich, ausser einem Angebot, von meinem Rucksackladen. Dies führte mich nahe an die Grenze der physischen Belastung und zu Gedanken wie: Was ist wenn…..

Das Resultat war, ich verbannte die Wanderung durch Frankreich und Spanien nach Santiago De Compostela aus dem Kopf. Sollte in Frankreich, in wenig bewohnter Gegend ein gesundheitliches Problem eintreffen, wäre Hilfe zwar möglich aber schwierig. Der gleiche Zustand in Spanien, ohne Kenntnis der Landessprache, praktisch unmöglich. Da ich auf das Abenteuer einer „Fernwanderung“ nicht verzichten wollte, musste ich ich einen Weg suchen, auf dem ich in meiner Sprache mitteilen konnte, was mich bedrückt. Im Fall einer Rückreise sollte diese auf direktem Weg erfolgen. In jungen Jahren waren solche Gedanken selten ein Thema. Im APV-Alter ein lebens- und gesundheitswichtiger Bestandteil der Planung. Ein Restrisiko besteht immer. Aber je kleiner dies ist, desto besser sind die Chancen.

Ich habe nach Alternativen gesucht. Ein Jakobsweg führt in Österreich von Ungarn herkommend durch Mittelösterreich an den Bodensee und weiter nach Genf. In Deutschland bestehen mehrere Verbindungen. Ein Weg führt von Dänemark über Travemünde, Lübeck, Hannover, Göttingen nach Eisenach (Via Scandinavica). Von dort geht’s weiter nach Vacha bis Rothenburg ob der Tauber. Hier muss man sich entscheiden, betritt man den Weg nach Ulm, um erst den schweizerischen Weg zu begehen oder will man nach Freiburg i. Br. und anschliessend direkt durch Frankreich zur spanischen Grenze wandern.

Dieser deutsche Weg hatte mich fasziniert, denn er beginnt in flachem Gelände und steigt erst an, wenn man bereits einige Übungskilometer hinter sich hat. Zudem kann man sich je nach Kondition für den angenehmen oder den anstrengenden Weg entscheiden.

Ich besorgte mir die vorhandenen Lektüren und versuchte auch Wanderkarten zu bekommen. Die Lektüren zu erhalten war kein Problem. Sie beschreiben die Wege, zeigen die Tagesetappen auf und erwähnen ebenfalls mögliche Unterkünfte mit Telefon. Karten der jeweiligen Gegend zu bekommen, resp. zu finden war nicht so einfach. In Deutschland hat jedes Land seine eigene Kartenherstellung und dazu die eigene Internetseite. Zudem ist nicht jeder Landesteil als Wander- oder Fahrradkarte erfasst. Da haben wir in der Schweiz die bessere Situation mit einer zentralen Kartenherstellung. Ich wurde darauf hingewiesen, dass eine Suche in der jeweiligen Umgebung bessere Resultate bringen könnte. Doch auch dies war nur in den Städten wie Lübeck, Lüneburg oder Celle möglich, teilweise ebenfalls mit reduziertem Angebot.

Als „der Weg“ aufgrund der Unterlagen geklärt war, mussten die Rahmenbedingen erarbeitet werden. In Gesprächen mit meiner Frau wurden Starttermin und Budgetrahmen bestimmt. Eine Entscheidung war auch, dass Budgetgrenze sowie gesundheitliche Probleme das definitive Ende der Wanderung bestimmten.

Nun konnte ich die Organisation meines Plans angehen. Was gab es zu bedenken? Transport, Ausrüstung und Kommunikation. Ich bestellte Karten, die ich dann nicht gebrauchen konnte und zurückgab. Gleichzeitig bestellte ich neue. Dies passierte einige male. Die Buchhandlung erlaubte mir problemlos die Karten nach Hause mitzunehmen, zu prüfen und am folgenden Tag oder nach dem Wochenende umzutauschen. Eine zeitintensive Angelegenheit. Schlussendlich besass ich dann Weg- und teilweise Kartenmaterial von Lübeck bis nach Ulm, resp. Freiburg i.Br., das ein Gesamtgewicht von über 1,5 kg auf die Waage brachte. Beim Kartenstudium wurde bald klar, es würde Strecken geben, bei denen ich vor Ort entscheiden muss, ob ich sie erwandern oder erfahren soll. Grund dafür waren Tagesetappen über 25km, unattraktive Strecken, oder fragliche Schlafmöglichkeit.

Eine weitere Planungsaufgabe die viel Energie kostete war die Zusammenstellung der Materialliste. Hier setzte das geplante Maximalgewicht von 10 kg gewisse Grenzen. Ich wog jedes Kleidungsstück, jedes Gerät, alles. Heute weiss ich, wie schwer eine Unterwäschegarnitur ist oder wie viel ein Rasierapparat wiegt. Den liess ich schliesslich auch zu Hause, denn wen interessiert es, wenn ich am Morgen unrasiert wandern gehe. Nach mehrmaligem Ein- und Auspacken des Rucksackes hatte ich ein Gesamtgewicht von 12,5 kg zu tragen.

Zur Vorbereitungsphase gehörte ebenso, dass ich zwei Monate vor Beginn der Wanderung, zwei-drei mal pro Woche mit dem Gewicht im Fitnessclub eine Stunde auf dem Laufband trainierte. Das hatte folgende Vorteile: Ich brauchte erst dort das Gewicht einzufüllen und konnte es nach dem Training auspacken. Ich konnte jederzeit Steigung oder Tempo ändern, das Training ab-  oder unterbrechen, anschliessend duschen und musste nie an die Zeit des Rückwegs denken.

In Lörrach besorgte ich mir ein billiges Natel und eine Prepaid-Card bei einer der grossen deutschen Telefongesellschaften. Dies für eine günstigere Kommunikation. Nach ein paar Telefongesprächen mit meiner Frau und längeren SMS während der Wanderung merkte ich, dass die Werbung nicht für ausländische, resp. Nicht-EU-Benutzer bestimmt war. Immerhin sparte ich Geld bei landesinternen Telefonaten. Ich stornierte mein Natel-Abo ab Mai bis Oktober. Dies war problemlos möglich. Ebenso schloss ich eine Reiseversicherung ab, die mein Hab und Gut bei Diebstahl oder Beschädigung ohne Wenn und Aber übernahm.

Ich erstellte eine Liste mit dem Inhalt meines Rucksacks, eine separate Liste der mitgeführten Bankkarten mit Nummern und Notfallnummern. In meinem Portemonnaie deponierte ich eine Liste mit medizinischen Hinweisen wie Hausarzt, Organspenderausweis, Patientenverfügung, REGA, VIP-Nummern, sowie Einnahmeplan der mitgeführten Medikamente, etc. Entscheidungen, die in Ländern mit anderen gesetzlichen Bestimmungen wichtig sind. Bis zum letzten Augenblick änderte ich das eine oder andere nochmals. Irgendwann kam dann der Tag, an dem man nichts mehr ändern konnte.


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Alt-Pfadfinder-Verband Johanniter Basel