Wandern von Lübeck bis Celle – Woche 1

Dienstag, 03. Mai 2016 / Wetter im Süden regnerisch, Wetter im Norden leicht bewölkt

07.00 Uhr piepste der Wecker. Nach Morgentoilette, ankleiden, Frühstück und anderen wichtigen Handlungen, erfolgte die Überprüfung aller Reisedokumente wie Identitäts-, Fahr-, und Platzkarte, Hotelbeleg etc. Dann war warten angesagt.

Gegen 08.45 Uhr verliessen meine Frau und ich das Haus. Sie fuhr mit dem Bus zur Arbeit. Ich begab mich zur Haltestelle, an der ich meinen Bus besteigen konnte. Als der eintraf und einige Personen ausspuckte, zeigte die Wanduhr an einem nahen Gebäude 08.45 Uhr. Eine halbe Stunde später war Abfahrtszeit für den ICE nach Hamburg. Also hatte ich genügend Reserve.

Beim Badischen Bahnhof verliess ich den Bus und spazierte gegen den Bahnhofseingang. Hastende Personen, mit und ohne Koffer, strömten aus dem Bahnhof oder eilten hinein. In der Vorhalle war reges Treiben. Vorbei an den früheren Containern des Zolls der Länder Schweiz und Deutschland, begab ich mich auf den Bahnsteig.

Hier warteten bereits Personen. Die leuchtende Anzeigetafel präsentierte die Wagen der 1. Klasse zwischen Lok und Restaurant, die Wagen der 2. Klasse im hinteren Teil der Zugskomposition. Ich setzte mich auf eine Bank und beobachtete das Treiben. Ab und zu wurde via Lautsprecher die Durchfahrt eines Güterzuges oder die Einfahrt eines Regionalzuges angekündigt.

Irgendwann meldete die Dame aus dem Lautsprecher die Ankunft unseres Zuges, der bereits einfuhr. Gleichzeitig machte sie darauf aufmerksam, dass sich die Abteile der 1. Klasse nun nach dem Zugsrestaurant befänden, also im hinteren Teil der Kombination. Die Anzeige zeigte immer noch die unveränderte Information! Zwischenzeitlich hatte der Zug angehalten und die Türen geöffnet. Man kann sich vorstellen, was nun auf dem Bahnsteig abging. Alte mit und ohne Rollator, jüngere Frauen, Männer mit und ohne Gepäck, wechselten die Seiten rennend oder schnellen Schrittes, parallel zum Zug, während aus dem Zug ein paar wenige diese Bewegungen querten. Einige betraten einfach einen Wagen und suchten ihren Platz. Mein Wagen war der Drittletzte und der reservierte Sitzplatz frei. Den Rucksack stemmte ich in die Gepäckablage und setzte mich.

Nachdem der Zug angefahren war, wurden wir über Lautsprecher begrüsst.  Man informierte die Fahrgäste, dass wir infolge Wartungsarbeiten einen Umweg fahren müssen, weshalb das Endziel Hamburg später als geplant erreicht werde. Ein weiteres „Special“ der Deutschen Bahn und es sollte nicht das letzte sein. Kurz nach der Ansage nahm eine Angestellte Bestellungen für Getränke auf. Nach dem Halt in Freiburg wurden diese und verschiedene Tageszeitungen geliefert. Nach Freiburg erfolgte die Fahrkartenkontrolle. Je weiter wir uns von Basel weg bewegten, um so schlechter wurde das Wetter. Mit der Zeit war es ausserhalb des Zuges grau und nass und der Regen hinterliess seine Spuren an den Scheiben. Immer wieder informierte der Zugchef über Verspätungszeit und mögliche Anschlüsse. Ich glaube in Hannover hatten wir bereits 45 Minuten Verspätung. Eine Zeitdifferenz, die wir Schweizer uns nicht vorstellen können.

In Hamburg hatte ich dreissig Minuten Wartezeit. Diese verbrachte ich teilweise auf der Passerelle und auf dem Bahnsteig. Es herrschte viel Betrieb. Ausfahrende Regionalzüge waren oft überfüllt. Als mein Verbindungszug nach Lübeck einfuhr war dieser in kurzer Zeit voll. Es gab nur zwei 1.-Klass-Abteile im oberen Stock eines Wagens. Ob da nur Personen mit entsprechenden Fahrscheinen sassen, bezweifelte ich. Eine Frau mit Hund setzte sich mir gegenüber. Während der Fahrt wollte sie wissen woher ich kam. Aufgrund meiner Antwort entstand ein unterhaltsames Gespräch. Sie hatte viele Jahre in Freiburg i.Br. gearbeitet und lebt nun seit einigen Jahren in der Nähe von Lübeck. Hier ist sie politisch tätig und beklagte sich über ein gewisses Desinteresse der Deutschen gegenüber der Politik. Aus meiner Sicht scheint dies in unserem Land nicht anders zu sein.

In Lübeck eingetroffen, fand ich bald meine Unterkunft. Ich erhielt ein Zimmer mit grossem Balkon auf der ruhigen Rückseite. Nach dem Auspacken begab ich mich an den Empfang und erkundigte mich nach einem guten, preiswerten Restaurant. Die freundliche Dame übergab mir einen Stadtplan und erklärte den Weg zu mehreren Essmöglichkeiten. Ich stellte fest, dass ich in etwa 15 Minuten mitten im sehenswerten Lübeck war. Ausgerüstet mit Kamera und Geld machte ich mich auf den Weg. Ich wanderte über eine Brücke, dann durch das Wahrzeichen der Stadt, das Holsten-Tor, in Richtung Stadtmitte. Bei der ersten Kreuzung bog ich rechts ab und spazierte an schönen alten Häusern vorbei. Eine Strasse, die rechts abbog, führte mich zu einem alten Wirtshaus.

Nach dem Eingang befand ich mich in einer „heimeligen Beiz“ mit Holztäfer, einem grossen Tresen mit Bank und Abteilen mit Tischen. Es waren noch nicht viele Personen anwesend. Ich setzte mich und wurde von einer burschikosen „Deern“ bedient. In Deutschland sollte man, gemäss Ratschlag eines Freundes, immer ein Bier der Umgebung trinken. So bestellte ich ein dunkles, „Rotblondes“, das meine Mahlzeit begleitete. Es mundete ausgezeichnet und das Essen war sehr gut, jedoch die Hälfte der Menge hätte gereicht.

Gegen 21.00 Uhr verliess ich die Gaststätte und beschloss, während meinem Aufenthalt nochmals hier zu speisen. Anderthalb Stunden später lag ich im Bett und freute mich auf den nächsten Tag.

Tagesauslagen in Euro:                  27.00                   (Bahn und Nachtessen)

Tages-Etappe:                                     1-2 Km


Mittwoch, 04. Mai 2016 / Wetter sonnig, angenehm warm

Gegen 07.15 Uhr entstieg ich dem Bett. Seit fünf oder sechs Uhr war ich halbwach. Die Vorhänge waren von heller Farbe, Rollos gabs keine. Eine Tatsache, die ich ab sofort auf meiner Wanderung akzeptieren musste. Kurz danach begab ich mich ins Parterre. Hier befand sich der Frühstücksraum. Ich war noch allein und konnte den Platz aussuchen. Eine Dame begrüsste mich und erkundigte sich nach meinem Getränkewunsch. Ich bestellte Tee. Den Rest des Frühstücks stellte ich mir am Selbstbedienungstresen zusammen. Das Angebot hatte viel zu bieten: Wurst, Käse, Eier gekocht, Eier gerührt nicht geschüttelt, Tomaten, Gurken, verschiedene Flocken, Joghurt, Früchte, diverse Marmeladen, Brot und Brötchen etc.. Da ich beim Essen mehr der süsse Typ bin, bediente ich mich bei diesen Auslagen. Zurück am Tisch, stand schon der Tee bereit. Während meiner Anwesenheit füllte sich der Raum mit einigen Gästen. Nach etwa einer Stunde begab ich mich zurück ins Zimmer. Zuvor bat ich die Empfangsdame, mich beim Eintreffen meines Stadtführers telefonisch zu informieren. Nach etwa einer halben Stunde war es soweit.

Ich wurde ich von einem weisshaarigen Mann, etwa gleichen Alters, begrüsst. Ab jetzt hatte er die Aufgabe, mir während vier Stunden die Stadtgeschichte (ohne grosse Zahlenflut), die sehenswerten und fotografisch interessanten Orte von Lübeck näher zu bringen.

Nach dem Verlassen des Hotels berichteten wir uns gegenseitig, wer wir sind, woher wir kommen und was wir beruflich waren. Unser Weg führte zum Wahrzeichen der Stadt, dem Holsten-Tor. Hier gab’s einiges zu erzählen. Unter anderem teilte er mit, dass dieses schwere Gebäude, welches sich ähnlich wie der schiefe Turm von Pisa einseitig neigte, nur Dank dem Eingreifen der Nazi-Führung noch steht (Originalton: „Mindestens etwas Positives haben sie vollbracht). Da diese Epoche das „Deutschsein“ besonders hervorhob, war es wichtig, dieses starke Wehr-Symbol der „Hanse“ zu erhalten, speziell für die Olympiade von 1936. Ingenieure wurden angewiesen, den Neigungswinkel zu reduzieren, mindestens zu stabilisieren. Dies gelang und Messungen zeigen, dass sich das Tor seit diesem Eingriff nicht mehr bewegt hatte. Das Holsten-Tor und viele andere Bauten bestehen aus Backsteinen. Zuerst nur gebrannt, dann mit dem vorhandenen Salz glasiert. Damit wurde der Stein wetterfest, stabil und wie wir sehen für die „Ewigkeit“ gemacht. Da die Produktion eines Backsteins etwa ein Jahr dauerte, war dies ein teures Material. Wer sich also ein Haus oder ein entsprechendes Stadttor leisten konnte, musste sehr reich sein, sozusagen „steinreich“.

Die Stadt befindet sich auf einer Halbinsel. Sie ist umschlossen von zwei Flüssen, die früher einen natürlichen Schutz boten. Sehr früh erhielten die Bürger das Stadtrecht und wurden autonom. Sie waren nur dem Kaiser verpflichtet. Innerhalb der Stadt bestanden vier „Quartiere“. Auf Seite des Holsten-Tores wohnten die See-Schiffer, dann folgten die Handelsleute und anschliessend die Fluss-Schiffer. Am Ende befand sich der Dom mit der kirchlichen Obrigkeit. Auf der gegenüberliegenden Seite all dieser genannten Quartiere, befanden sich die Handwerker. Jedes Quartier besass seine Kirche. Logischerweise ist das Gotteshaus der Kaufleute auch das grösste und schönste religiöse Bauwerk, nebst dem Dom. Dadurch entstand ein weiteres Wahrzeichen der Stadt: Die sieben Türme.  Zu bestaunen waren ebenso die teilweise alten, schönen und gut erhaltenen Familienhäuser. Als sich die Stadt entwickelte, mussten die Innenhöfe bebaut werden. Dies führte dazu, dass dies heute ruhige und heimelige Eigentumshäuschen mit eigenen, verkehrsfreien Gässchen sind.

Wie Eingangs erwähnt, verdanken die Lübecker den Nazis, dass ihr Holsten-Tor noch steht. Aber sie „verdanken“ ihnen ebenso, dass die Stadt 1937 die Autonomie verlor und dem Land Schleswig-Holstein übergeben wurde. Ein weiterer Schicksalsschlag, dank der Neonazis, war ein Luftangriff durch die Engländer im März 1942 und nach dem Kriegsende die unmittelbare Grenze zur sowjetisch besetzten Zone. Dadurch kamen mehr als 100’000 Flüchtlinge nach Lübeck, die versorgt werden  mussten. Der Luftangriff hinterliess eine Schneise der Verwüstung, die in den Folgejahren oft sehr unglücklich mit modernen Bauten gefüllt wurde. Da stehen heute ab und zu sehenswerte, alte Bauten neben hässlichen Betonbauten.

Die verschiedenen Sakralbauten, die im katholischen Glauben erbaut wurden, gehören heute fast alle der Lutherischen Kirche. Viele haben wunderschöne Inneneinrichtungen. In der Kirche der Kaufleute spielte einst der bekannte Orgelkomponist Buxtehude. Die Musikakademie hat einen weltweit exzellenten Ruf. Ebenfalls weltbekannte Lübecker waren die Gebrüder Heinrich und Thomas Mann, beide Schriftsteller. Thomas Mann schrieb den Roman der Familie Buddenbrooks. Eine Familiensaga der Mann-Dynastie. Damit gelang ihm der Einzug in die Weltliteratur. Noch ein erwähnenswerter Lübecker heisst: Marzipan.

Nach vier interessanten Stunden verabschiedeten wir uns. Der Stadtführer gab mir noch den einen oder anderen Tipp mit auf den Weg. Er empfahl mir den Turm der St. Petrikirche zu besteigen, resp. mit dem Lift hoch zu fahren und die Aussicht zu geniessen. Da das Wetter prachtvoll und heiss war, eine gute Idee, die ich nach einem Bier mit Bretzel umsetzte. Danach schlenderte ich durch die Stadt und liess mich treiben. Mit den Wanderschuhen an den Füssen wurden die Beine langsam müde. Ausserdem hatte ich Lust auf einen Kaffee. Also suchte ich und fand eine Bäckerei mit Café. Hier und an anderen Orten, stellte ich fest, dass der Gast sich selber bedienen muss. Damit wird Personal gespart. Ich bestellte ein Nussgebäck und einen Kaffee. Die Service-Fachfrau fragte mich, ob ich einen aufgebrühten oder einen Maschinen-Kaffe möchte. Ich entschied mich für den Aufgebrühten. Beides, der Kaffee und das Nussgebäck waren sehr gut. Anschliessend gings gemütlich ins Hotel zurück. Es war bereits 18.00 Uhr geworden.

Im Hotel bezog ich meinen Zimmerschlüssel und stieg in den zweiten Stock. Im Zimmer entledigte ich mich zuerst meinen Wanderschuhen. Natürlich hatte ich leichte Schlappen mitgenommen, aber keine die strassentauglich waren. Den ersten Teil des Abends sass ich auf dem Balkon, genoss Stille, Sonne und eine erworbene Cigarre. Gegen 20.30 Uhr machte ich mich „bett-tauglich“, setzte mich aufs Bett und schaute zu, wie zweiundzwanzig Spieler einem Ball hinterher rannten. Nachdem der Sieger feststand, schaltete ich das Gerät aus, zog die Vorhänge und legte mich schlafen. Ein interessanter und anstrengender Tag ging zu Ende.

Tagesauslagen in Euro:        153.00  (Stadtführung, Wanderkarte, Getränke u. Kuchen)

Tages-Etappe:                                     Einige Kilometer


Donnerstag (Auffahrt / Vatertag), 05. Mai 2016 / Wetter sonnig, heiss

Nach Aufstehen, Toilette, ankleiden, ging’s zum Frühstück. Heute sassen englisch sprechende Gäste am Nebentisch. Kurz nachdem ich mich mit meinem Frühstück gesetzt hatte, verabschiedeten sie sich. Unmittelbar danach betrat ein jüngerer Mann den Raum. Er hatte eine Zeitung unter den Arm geklemmt und steuerte auf den Tisch zu, an dem vorher die englisch sprechenden Gäste gesessen hatten. Er grüsste, legte die Zeitung auf den Tisch und begab sich zum Frühstücksbuffet.

Als er zurückkam, stand er einen Moment unschlüssig an seinem Tisch, drehte sich dann um und fragte etwas verlegen, ob er sich zu mir setzen dürfe. Ich hatte nichts einzuwenden. Er nahm Platz. Nach einer Ruhepause, in der er seine Brötchen mit Wurst und Käse belegte, begann er mit einem Gespräch. Er erzählte mir, dass er auf dem Weg zu seiner Frau und den Kindern sei. Diese befänden sich an der Ostsee in einem Erholungsheim für Mutter und Kind. Gleichzeitig entschuldigte er sich für seine Aufdringlichkeit.

So ergab ein Wort das andere. Er wuchs in der katholischen Pfadfinderbewegung heran, lebt gerne in der Natur und unternimmt oft mit Freunden Fahrradtouren, da seine Kinder noch nicht so alt waren. Im Gegensatz zu mir schien er sehr gläubig zu sein. Beruflich arbeitete er im Sozialbereich innerhalb eines Spitals. Nach einer gewissen Zeit verabschiedete er sich. Er müsse in ¾ Stunden den Zug nach Travemünde besteigen. Irgendwie fand ich die Entwicklung dieses Gesprächs speziell und stieg nachdenklich zu meinem Zimmer hoch.

Ausgerüstet mit Fotoapparat ging ich Richtung Stadt. Mir fiel auf, dass auffallend viele männliche Gruppen unterwegs waren. Einige bereits angeheitert, zogen oder stiessen einen Handkarren, beladen mit alkoholischen Getränken und einem Grill. Auch ganze Familienclans auf Fahrrädern oder zu Fuss belebten das Strassenbild. Genauso grölende Jungs in gestylten Autos bekannter deutscher Nobelmarken. Eine der Männergruppen sprach ich an und wollte wissen, was das bedeute. Zuerst ungläubiges Staunen, dann grinsen und dann folgte die Frage, von welchem Planeten ich denn sei. Als ich mich als Schweizer zu erkennen gab, erklärte man mir, dass in Deutschland der Auffahrtstag Vatertag sei. Da seien alle männlichen Wesen mit Kinder oder Freunden unterwegs. Nur die „Unterdrückten“ würden die Frauen mitnehmen. Man überreichte mir eine Büchse Bier, wünschte einen frohen Vatertag und zog singend weiter.

Ich begab mich an das Ufer der Rave. Hier herrschte viel Fussgängerverkehr. Das Wetter war dazu wie gemacht. Ich setzte mich auf eine Bank und wollte die Bierdose öffnen. Da kamen Leute mit Fischbrötchen an mir vorbei. Das fehlte zum Bier. Ich stand auf und spazierte weiter. Es dauerte eine Weile bis ich das Schild „Fisch frisch zubereitet“ und einen Richtungspfeil entdeckte. Ich stand dann an einer Fischbude am Ende des kleinen Hafenbeckens, in dem die Museumsschiffe dümpelten. Hier bestellte ich ein Fischbrot, obwohl ich erst vor anderthalb Stunden gefrühstückt hatte. Ich bezahlte, ging auf die andere Uferseite, setzte mich auf eine Bank und genoss Bier mit Fischbrot! Dem Vatertag sei Dank. Nach etwa einer Stunde entsorgte ich den Abfall und begann mit meiner Stadtwanderung. Kreuz und quer spazierte ich durch teils leere Seitenstrassen. Viele Menschen befanden sich am Ufer der Trave, in der Anlage am Holsten-Tor oder seitlich der Salzhäuser.

Beim Dom hatten sich viele „Schnorrer“ (Bettler) versammelt und warteten mit weissen Bechern auf spendenfreudige Gläubige oder Touristen. Nicht aufdringlich, aber gut positioniert. Im Dom fand ein Gottesdienst statt. Deshalb bewegte ich mich zur St. Petri-Kirche und fuhr mit dem Lift nach oben zur Aussichtsplattform. Dort verbrachte ich eine gewisse Zeit mit fotografieren, um anschliessend die Stadtwanderung fortzusetzen.

Nach zwei, drei, Stunden plazierte ich mich in der Fussgängerzone bei einem Restaurant unter einen Sonnenschirm und löschte den Durst. Es war bereits später Nachmittag. Nun wollte ich noch den berühmten Marzipanladen besuchen, der –so habe ich gehört- das ganze Jahr geöffnet sei. Er war gross. Im vorderen Teil befand sich die Einkaufsmeile. Man präsentierte Marzipanprodukte, in allen Grössen und Sorten. Im hinteren Teil befand sich eine Kaffeestube.

Ich entschied mich für vier verschiedene Riegel und eine Grosspackung kleiner „Marzipanstängeli“, die ich nach Hause schicken liess. Einen der Riegel vernaschte ich nach dem Verlassen des Ladens. Er schmeckte……wie Marzipan mit Schokolade. Nicht speziell. Ich war fast ein wenig enttäuscht. Was ich später bemerkt habe, die Masse war nicht so süss wie ich sie kenne. Dafür hatte sie etwas mehr Alkohol. Eigentlich gäbe es noch einiges zu besichtigen, z.B. Museen oder ein anderes Stadttor. Doch dazu müsste ich nochmals eine bis zwei Stunden umherlaufen. Bei der Wärme etwas mühsam. Also begab ich mich zurück ins Hotel. Unterwegs hatte es jetzt mehr schwankende und grölende männliche Jugendliche. Zurück im Hotelzimmer duschte ich. Es war herrlich erfrischend. Dann legte ich mich kurze Zeit aufs Bett und döste. Irgendwann raffte ich mich auf und verliess erneut das Hotel, um in das gemütliche Restaurant zu wandern.

Dort begrüsste man mich fast wie einen bekannten Gast. Ich nahm am selben Tisch Platz wie beim ersten Besuch, bestellte ein Mineral und ein „Schwarzbier“. Ich kannte bisher nur das Guinness. Der geneigte Leser bemerkt sicher, ich bin kein Biertrinker. Aber hier könnte man zu einem werden. Das Bier passte gut zum Fischgericht. Abschliessend gab’s ein Dessert und einen sehr guten Espresso.

Beim Bezahlen der Rechnung wurde ich gefragt, ob man am folgenden Tag den Platz reservieren soll. Ich musste leider verneinen, versprach aber, mich irgendwann wieder zu melden (was ich sicher tun werde). Draussen war es immer noch warm. Der Personenstrom hatte leicht abgenommen. Dafür sassen mehr Leute vor den Bier- und Frittenbuden. Ich lief den bekannten Weg zurück in meine Unterkunft. Hier begann ich mit dem Packen meines Rucksacks. Gegen 21.30 Uhr war dies beendet. Anschliessend setzte ich mich auf den einzigen Sessel im Zimmer, sah auf dem Bildschirm des Fotoapparates meine bisherige Ausbeute an und zappte gleichzeitig durch die TV-Programme. Über oder neben mir sah sich vermutlich ein Gast ein Fussballspiel an, denn ich hörte deutlich seine emotionalen Reaktionen. Gegen 23.00 Uhr herrschte dann Ruhe. Dies veranlasste auch mich, den Rest der Nacht schlafend zu verbringen.

Tagesauslagen in Euro:   49.60    (Besichtigung, Marzipanversand, Nachtessen)

Tages-Etappe:                                     Zwischen 5-10 Km


Freitag, 06. Mai 2016 / Wetter sonnig, heiss

Nach Frühstück, Rechnung bezahlen und Wanderbereitschaft erstellen stand ich kurz nach 09.45 Uhr mit dem Rucksack auf der Strasse. Lübeck ade. Kurz nach dem Hotel musste ich rechts in eine breite Strasse einbiegen. Entlang von alten Bürgerhäusern wanderte ich an den Elbe-Lübeck-Kanal. Es war bereits zu dieser Morgenzeit schon sehr warm. Bevor die Strasse den Kanal überquerte, führte mein Weg rechts weg. Unmittelbar danach stand ich auf dem Kanalweg. Rechterhand befanden sich Schrebergärten, soweit das Auge reichte. Links gab’s einen Bootshafen, der durch Zaun und Eingangstore gesichert war. Bei einer Bank schnürte ich meine Schuhe nach, trank einen Schluck Wasser, setzte den Sonnenhut auf und schon war ich wieder unterwegs. Ab und zu kam mir ein Fahrrad entgegen oder überholte mich. Die deutschen Fahrräder besassen alle keine Klingel oder solche die man nicht hört. Oft fuhren ein oder auch mehrere Fahrräder von hinten an mir vorbei. Selten machten sich die Radler mit Glocke oder Rufzeichen bemerkbar.

Ich passierte eine Eisenbahnbrücke. Hier stand ein Junge, ca. 10 Jahre alt und fischte. Ich sprach einige Worte mit ihm, wünschte Petri heil und wanderte weiter. Etwa 30 Minuten später, bei einer  Radwegbrücke die den Fluss Trave überquerte, standen zwei weitere Jungs fischend am Ufer. Sie hatten bereits einen kleinen Erfolg in ihrem Eimer vorzuweisen. Doch fürs Mittagessen reichte es noch nicht. Der Kanal zog sich in lang gezogenen Links- oder Rechtsbögen durch die Landschaft. Zwischendurch gabs auch gerade Streckenabschnitte. Wenige Schatten spendende Bäume standen am Weg. Wer rasten wollte musste sich ans Dammbord setzen, denn Bänke gabs selten. Ab und zu fuhren kleinere Motor- oder motorbetriebene Segelboote in Richtung Lübeck vorbei. Anfangs wunderte ich mich, weshalb die stets in einem Gruppenverband fuhren. Doch nach der ersten Schleuse war alles klar. Ein Lastkahn, analog unseren „Schleppern“ auf dem Rhein, schnaufte aus Lübeck kommend den Kanal hoch.

So wanderte ich etwa fünfeinhalb Stunden. Unregelmässig, aber sicher nach neunzig Minuten hielt ich kurz inne und trank Wasser. Mit der Zeit verspürte ich am rechten Fuss das bekannte Brennen, das mir sagen wollte, hier ist eine Blase. So setzte ich mich halt an den Rand des Kanalweges und behandelte diese Stelle. Nach erledigter Operation verstaute ich alles, erhob mich und spürte beim Gehen keinen Schmerz mehr. Irgendwo, rechts vom Weg, hüpfte ein Reh davon. Kurz darauf fuhren zwei Velos-Wanderer an mir vorbei und grüssten mit dem hier üblichen „Moin, Moin“. Durch das aufgeschreckte Reh bemerkte ich ebenfalls in der Wiese zwei braune Punkte. Ich war nicht sicher, aber sie sahen aus wie Hasen. Weiter vorne befand sich eine Frau, die ihren frei laufenden Hund infolge der Fahrräder zu sich nahm. Als sie mich entdeckte, wartete sie bis ich an ihr vorbei kam. Ich bedankte mich und machte auf die entdeckten braunen Punkte aufmerksam. Die  Frau erwähnte diese bereits gesichtet zu haben. Doch für ihren Hund sei das nicht mehr interessant. Gemeinsam gingen wir noch ein Stück und unterhielten uns, bevor sie rechts in einen Feldweg abbog.

Aufgrund der Karte sah ich, dass ich mich der Ortschaft Berkenthin näherte. Hier irgendwo stand mein Bett für diese Nacht. Nun kam mir ein älterer Herr in einem Elektromobil entgegen. Ich grüsste und fragte nach dem Standort meiner Unterkunft. Das ideale bei Menschen die in einem Dorf leben ist, sie wissen oft über ihre Mitmenschen Bescheid. So konnte er mir sagen, dass ich noch ein Stück dem Wasser folgen musste. Weiter oben würde eine Fahhrad-/ Fussgängerbrücke über den Kanal führen. Diese müsse ich überqueren, an der Kirche vorbei, rechts halten und nach etwa 50 Metern sei links der Strasse das Haus. Bevor er mit seinem Rollmobil weiter fuhr meinte er noch, das seien sehr „anständige“ Leute.

Ich befolgte seinen Rat und stand kurz danach vor einem Gartentor. Ich schritt in einen gepflegten Vorgarten, in dem eine Frau arbeitete. Ich stellte mich vor und nach einem kurzen Gespräch brachte sie mich auf das Zimmer. Das Anwesen war ehemals ein Bauernhof, der nun für Zimmerbenutzung und Ferienwohnungen umgebaut worden war. Die Familie wohnte ebenfalls im Haus. Das Zimmer lag im Dachstock, mit Blick auf ein belegtes Storchennest und ein Schafsgehege. Das Bad befand sich im Flur. Nachdem ich den Rucksack entleert, mich geduscht und frisch eingekleidet hatte, machte ich es mir hinter dem Haus in einer Sitzecke gemütlich. Als der Hausherr auf seiner Mäher-Rundfahrt vorbeifuhr, hielt er kurz an, stellte sich vor, begrüsste mich und meinte, wenn ich was bräuchte, dann sei seine Frau dafür zuständig. Sagt’s und fuhr weiter. Mir gefiel es hier. Das Geklapper der Störche, das „Mäh“ der Schafe, das Summen des Rasenmähers waren einfach perfekt. Nach etwa einer Stunde stieg ich zu meinem Zimmer hoch, packte Geldbeutel und Fotoapparat ein und erkundete dann die Umgebung. Unmittelbar bei der Brücke die ich überquert hatte, befand sich ein grösserer Gasthof. Dort wollte ich später essen. Auf meiner Seite standen nur ein paar bessere Einfamilienhäuser. Viel gab’s nicht zu sehen, denn nach ein paar Häusern, kam bereits Ackerland. So führte mein Weg zur kleinen Kirche. Auf dem Vorplatz befand sich ein Mahnmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege. Ebenfalls standen ein paar sehr alte Grabsteine herum. Als ich bei einer Seitentüre feststellte, dass sie verschlossen war, rauschte es im Busch nebenan. Ein grosser Vogel flog auf den nahen Baum. Ich wurde neugierig und konnte mit meiner Kamera feststellen, dass es sich um eine Eule handelte. Da ihr das nervige Gezwitscher der anderen Vögel zu bunt wurde, flog sie bald von dannen. Aber es reichte, um die seltene Begegnung fotografisch zu dokumentieren.

Nun suchte ich einen offenen Eingang zum Kircheninnern und fand ihn. Ich trat in einen stillen Raum, in dem ich mein eigenes Blut rauschen hörte. Er war mit Blumengebinden geschmückt, die vermuten liessen, dass am folgenden Tag eine Hochzeit stattfinden könnte. Ich verweilte eine gewisse Zeit und fand die Ruhe wohltuend. Bevor ich mich daran gewöhnen konnte, verliess ich die Kirche, wechselte die Uferseite und steuerte meine Schritte auf den Gasthof zu den ich betrat. Innen war er gross. In einem Raum stand eine gedeckte, lange Tafel mit ähnlichem Blumenschmuck wie in der Kirche. Da es noch relativ früh und das Wetter herrlich war, sassen alle Gäste in der Gartenwirtschaft, was auch ich bevorzugte. Im Angebot der vorhandenen Menükarte stand unter anderem „Heidespargel“ in verschiedenen Varianten.

Als die Bedienung nach meinen Wünschen fragte, bestellte ich eine Portion Spargel mit Salzkartoffeln und zweierlei Saucen, nämlich Hollandais und braune Butter. Zum Trinken Mineralwasser und einen weissen trockenen Frankenwein. Die Wartezeit verbrachte ich mit SMS absetzen an verschiedene Personen. Am Tisch vor mir sass ein „lässiger“ Vater mit seinen beiden „lässigen“ Jungs. Vermutlich waren sie auf dem verlängerten Vatertags-Ausflug. Lässig sein ist eine Sache, jedoch Manieren haben eine andere. Doch wenn Papa diese schon vermissen lässt, woher sollen es dann die Jungs lernen. Aber nach der neuesten Mode gekleidet, das war wichtig. Als ich mein Essen erhielt, bezahlte Papa das verschmähte Essen seiner Jungs und kurz danach entfernten sie sich.

Etwas später kam ein Ehepaar. Sie bestellten beide Bier und etwas zu essen. Da den Mann die Sonne blendete, wechselte er die Seite und setzte sich mit dem Rücken zu mir gewandt neben seine Frau. Kurz danach traf auch ihr Essen ein. Bevor die Bedienung verschwand, bestellte ich ein Dessert und dazu einen Espresso. Während der Wartezeit erhielt ich von meiner Frau eine SMS, das ich beantwortete. Etwas später rief meine Frau an. Ich erklärte ihr die Situation und versprach zurück zu rufen. Die beiden Personen vor mir hatten in der Zwischenzeit ihr Mahl beendet. Meine Frau und ich unterhielten uns eine Weile über mein Essen, den kommenden Tag und wie die Lage zu Hause war. Kurz darauf kam die Bedienung und fragte mich nach weiteren Wünschen. Ich bat um die Rechung und wollte doch noch wissen, ob meine Beobachtungen in der Kirche und dem Speisesaal auf eine Hochzeit hinwiesen. Dies konnte sie bestätigen. Nachdem sie gegangen war drehte sich der Mann zu mir um und sagte, ich spreche aber sehr gut deutsch. Überrascht gab ich zur Antwort, deutsch sei schliesslich meine Muttersprache. Daraufhin meinte er, beim vorherigen Telefongespräch kein Wort verstanden zu haben. Welche Sprache das denn gewesen sei. Nun musste ich schmunzeln und antwortete langsam in Baseldeutsch: „Das isch Schwyzerdütsch gsi, im Dialäggt vom Kanton Basel-Stadt“. Jetzt lachte er und meinte, das habe er teilweise verstanden. Aber dass ich Schweizer sein könnte hätte er nie gedacht. Nach dem Bezahlen meiner Rechnung bat er mich an ihren Tisch, falls ich Zeit und Lust hätte. Es entstand ein, gemütliches Gespräch. Wir sprachen über unsere Berufe, Hobbies, Politik und andere Themen. Gegen 21.30 Uhr verabschiedete ich mich. Da ich nun wusste, dass die beiden mit dem Boot vor Ort angelegt hatten, die Nacht hier verbrachten und am folgenden Tag in gleicher Richtung unterwegs waren, sagte ich so zum Spass, „Tschüss, bis morgen“. Zurück im Zimmer schaute ich noch ein wenig TV, bevor ich gegen 22.30 Uhr ins Bett stieg.

Tagesauslagen in Euro:                   161.50                   (Hotelaufenthalt für 3 Tage, Getränke, Nachtessen)

Tages-Etappe:                                     ca. 20 Km


Samstag, 07.05.2016 / Wetter sonnig, heiss

07.15 bewegte ich mich aus dem Bett. Ich hatte eine etwas unruhige Nacht, ausgelöst durch ein Bett, das bei jeder Drehung Geräusche von sich gab. Und der Mensch bewegt sich oft im Schlaf! Ich zog mich an und packte den Rucksack. Anschliessend suchte und fand ich den Frühstücksraum. Hier war für eine Person gedeckt. Ich frühstückte gemütlich. Die Hausherrin meldete sich mal, um nach dem Rechten zu sehen. Dabei bezahlte ich gleich meine Zimmerkosten, damit ich gehen konnte wenn alles erledigt war.

An der Kirche vorbei und über den Kanal, schwenkte ich rechts ab, unter dem Fussgängersteg durch und schon war ich wieder auf dem Weg. Mein Ziel heute hiess Jugendherberge Mölln. Geburtsort von Till Eulenspiegel. Anfangs befand ich mich allein auf dem Pfad. Irgendwann bemerkte ich weit vor mir eine Wandergruppe. Langsam verringerte sich der Abstand. An einer Schleuse holte ich dann die Gruppe ein. Sie bestaunten den Betrieb. Es handelte sich um etwa 10-15 ältere Menschen. Ein Mann mit Wanderstöcken begrüsste mich und fragte nach dem Woher und Wohin. Aus dem folgenden Gespräch erfuhr ich, dass er der Leiter der Gruppe war und mit 82 Jahren der Älteste. Er war früher in dem Bezirk Gerichtsvollzieher (Kuckuck-Kleber) und kannte deshalb die Gegend gut. Mit den Jahren begann er sich für Geschichte und Geschichten zu interessieren und wanderte an freien Tagen durch die Gegend. Nach der Pensionierung genoss er dies weiter. Irgendwann wurde er gefragt, ob er sein Wissen nicht bei Gruppenwanderungen weiter geben wolle. Seitdem macht er das. Im Durchschnitt ist er mit einer Gruppe 5 Stunden unterwegs. Der Mann machte einen sehr vitalen Eindruck und man spürte sein Feuer für diese Tätigkeit.

Nach einer Weile verabschiedete ich mich und wünschte ihm noch viele Jahre bei guter Gesundheit. Es dauerte nicht lange, da führte der Weg unter einer Strassenbrücke durch. Gleich danach stand eine Bank mit Tisch. Hier fischten ein Vater und seine achtjährige Tochter. Gefangen hatten sie noch nichts. Ich setzte mich und schaute ein wenig zu. Etwas später kam die Wandergruppe hinzu, die hier die Uferseite wechselte, um auf der anderen Seite landeinwärts einen fünfzig Meter hohen Hügel zu erklimmen. Da die beiden Fischer nicht sehr gesprächig waren, machte auch ich mich von dannen. Ich war noch nicht weit gekommen, als ich von hinten das Rauschen und Tuckern eines Bootes vernahm. Langsam kam es näher. Plötzlich ertönte das Schiffshorn. Als ich mich umdrehte standen meine beiden Gesprächspartner vom Vorabend auf dem Boot und winkten. Er steuerte und sie genoss auf dem Deck die Sonne. Langsam fuhren sie an mir vorbei und der Abstand vergrösserte sich. Nicht weit weg sah ich die Vorboten einer Schleuse. Es handelte sich um grosse, schwarz-gelb gestrichene Pfeiler im Kanal, wahrscheinlich um wartende Lastschiffe anbinden zu können. Ich hoffte, die beiden dort nochmals anzutreffen und bewegte mich etwas schneller. Unmittelbar bei der Schleuse überquerte eine Strassenbrücke den Kanal. Hier wollte ich die Seite wechseln. Am anderen Ufer befand sich ein Waldweg der zur Jugendherberge Mölln führte. Als ich die Brücke überschritt, befand sich das Boot allein in der Schleusenkammer. Das Wasser sprudelte stark, denn die Kammer musste gefüllt werden. Der Mann sicherte mit zwei Seilen sein Schiff, während die Partnerin am Steuer stand. Da konnten sie nicht auch noch mir zuwinken. Schade.

Ich begab mich also auf die andere Kanalseite und bog kurz danach rechts ab. Die Strasse war zu Beginn in den paar Häusern geteert. Sobald sie ausserhalb der Dorfgrenze dem Waldrand entlang führte, war sie naturbelassen. Immerhin, ich konnte im Schatten der Bäume laufen. Autos kamen auch keine. Zwei Fahrradwanderer überholten mich und bogen weiter weg in den Wald. Hier musste ich ebenfalls einbiegen. Nun befand ich mich ganz im Wald auf einem angenehmen Weg. Bei Verzweigungen wurde ich immer via Fahrradweg-Markierungen auf die richtige Strecke verwiesen. Bei einem speziellen Punkt stand ein Schild mit der Aufschrift „Notfall-Punkt“. Darunter befand sich eine Buchstaben- und Ziffergruppe mit dem Hinweis, im Notfall die Nummer 112 anzurufen, den Code anzugeben und danach hier zu warten. Hilfsdienste würden vor Ort kommen. Ich sah auf  der Wanderung auch andernorts solche „Notfall-Punkte“. Eine sinnvolle Einrichtung.

Der Weg führte irgendwo aus dem Wald zum Kanal und an eine Stelle mit zwei Sitzgruppen. Hier liess ich mich nieder. Eine kleine, schwarze Schlange mit gelben Punkten am Kopfende, etwa 20 cm lang, flüchtete in Wellenbewegungen über den Weg ins Gestrüpp. Drei Boote zogen vorbei. Als ich etwa eine halbe Stunde Minuten später weiterzog, sah ich drei Fahrradfahrer am Wegrand stehen. Am Boden bewegte sich ein weisser Vogel. Ich stiess dazu und erfuhr, dass der Vogel ein Silberfasan sei. Die eine Frau versuchte via Internetverbindung einen Tierpark in der Nähe anzurufen, jedoch mit negativem Erfolg. Als sie die Polizei informierte, wollte der Mann wissen, ob denn jemand durch den Vogel verletzt worden sei. Die Dame verneinte wies aber darauf hin, dass der Vogel ein seltenes Exemplar und sicher wertvoll sei. Zudem sei er irgendwo abgängig, was der Besitzer noch nicht bemerkt habe.  Das waren für den Beamten aber keine Argumente, um jemanden vorbei zu schicken. Er war nicht mal bereit, die Telefonnummer eines Tierheimes bekannt zu geben.

Ich beschloss, weiter zu wandern. Dies passte dem Vogel gar nicht. Wild gackernd kam er zu mir gerannt und hackte auf meine Wanderschuhe. Als ich ihn zur Seite schieben wollte begann er mit den Sporen meine Schuhe zu bearbeiten. Vermutlich spürte das Tier, dass wir seine Retter sein könnten und wollte uns so am Weggehen hindern. Aber alle seine Bemühungen waren vergebens. Zuerst fuhr die einzelne Frau weiter. Als er sein Augenmerk auf sie gerichtet hatte, entfernte ich mich ebenfalls. Kurz danach fuhr das Ehepaar an mir vorbei.

Der Weg führte unter einer hohen Autobahnbrücke durch, machte eine leichte Biegung nach links und mündete anschliessend in einen Parkplatz. Ab da war der Belag geteert. Auf der rechten Seite erblickte ich einen See und die ersten Häuser von Mölln kamen in Sicht. Nach weiteren zehn Minuten  stand ein Schild am Wegesrand das mich informierte, dass ich nun links abbiegen musste. Gesagt, getan und schon stand ich vor dem Gebäudekomplex der Jugendherberge.

Ich trat ein. Kein Mensch war zu sehen oder zu hören. Beim Empfang hing ein Telefon an der Wand mit dem Hinweis, eine gewisse Nummer zu wählen, wenn kein Personal anwesend sei. Bevor ich dies umsetzen konnte, kam eine junge Frau aus einem Büro, sah mich und bewegte sich auf mich zu. Ich erklärte wer ich sei. Sie kontrollierte meine Angaben und übergab mir ein Anmeldeformular zum ausfüllen. Danach verlangte sie die zu bezahlenden Euros. Zu den JH-Grundkosten kamen ein Seniorenbetrag und ein Obolus für die Badgarnitur hinzu. Gesamthaft habe ich fast soviel bezahlt wie in einem Gasthof. Nun erhielt ich Bettwäsche und den Zimmerschlüssel.

Mein Raum befand sich in einem Nebenhaus. Dort stapfte ich in den 1. Stock. Die Zimmertür war einfach, nicht schalldicht und verzogen. Links im Raum stand ein Kleiderkasten, daneben eine Ablage für Koffer oder Rucksack. Rechts befand sich der Eingang zur Nasszone. Diese war quadratisch. In der Ecke, gegenüber dem Eingang stand die Duschkabine. Rechts daneben die Toilette, links das Waschbecken. Der „Wohnraum“ hatte vorne ein grosses Fenster. Rechts davon stand an der linken Wand ein Bett und ein Tisch. Zudem waren noch zwei Stühle im Raum. Zur Verdunkelung gab es nur einen blauen Vorhang. Das wars.

Ich bezog Kopfkissen, Deckbett und die Matratze. Anschliessend entleerte ich den Rucksack, legte die Kleider in den Kasten und begab mich danach unter die Dusche. Frisch eingekleidet beschäftigte ich mich mit der Pflege meiner drei Blasen. Als dies erledigt war wusch ich drei Kleidungsstücke im Waschbecken. Etwas schwierig gestaltete sich das Auswringen und Aufhängen. Ich versuchte ein paar Varianten bis ich mich entschloss, mit den Kleidern zum Empfang zu gehen. Der war unbesetzt und es erforderte einen Telefonanruf bis jemand kam. Die Dame übernahm die Kleidungsstücke und teilte mir mit, dass sie diese im Trockenraum aufhängt. Am folgenden Tag könne ich sie abholen. Ich kaufte noch eine Limoflasche, einen Riegel und ein paar Ansichtskarten. Anschliessend hockte ich mich auf dem Gelände auf eine Bank, genoss Riegel, Limo und die Ruhe und schrieb auf alle Karten den gleichen Text. Danach inspizierte ich die Umgebung. Als ich zurück im Zimmer war, schrieb ich meine Tagebuchnotizen und las ein paar Prospekte von Mölln, damit ich am folgenden Tag wusste was man gesehen haben musste. Es begann bereits dunkel zu werden, als ich Schritte im Gang vernahm und Türen die geöffnet und mit lautem Knall geschlossen wurden. Etwas später erfüllte weibliches Gekicher die Luft. Das blieb noch eine Weile so, bis Ruhe einkehrte. Der richtige Moment, um sich schlafen zu legen. Es gab eh nichts zu tun

Tagesausgaben in Euro:   120.00                (Unterkunft 1, JH-Mölln, Imbiss)

Tages-Etappe:                                     etwa 17 Kilometer


Sonntag, 08.05.2016 / Wetter sonnig, sehr warm aber auch windig

Als ich die Augen öffnete lag das Zimmer in einem bläulichen, diffusen Licht. Der Blick auf die Uhr zeigte, es war noch früh. Ich drehte mich zur Seite und versuchte nochmals eine Runde zu ruhen. Dies gelang jedoch nicht. So stand ich auf, erledigte die Morgenwäsche und zog mich an. Ich liess das Bett unordentlich und begab mich ins Hauptgebäude zum Frühstück.

Ältere und jüngere Ehepaare, mit und ohne Kinder, sowie eine kleine Gruppe Jugendlicher, befanden sich bereits im Raum. Am Buffet fand ich Teller, Tassen, Messer und zwei Grössen Löffel. Davon deponierte ich je ein Stück auf einem langen Tisch am Fenster, mit Blick in den Saal, um diesen Platz als „besetzt“ zu markieren. Ich sitze prinzipiell ungern mit dem Rücken gegen eintretende Personen. Danach holte ich mir zwei Brötchen, Butter und Marmelade. Ebenfalls besorgte ich mir eine Kanne mit heissem Wasser, zwei Beutel Grüntee und Zucker. Nachdem ich auch das deponiert hatte, holte ich eine Schüssel, füllte sie mit Müeslimischung, Milch, Früchtejoghurt und Fruchtkompott. Jetzt hatte ich endlich alle Zutaten. Das Frühstück konnte beginnen.

Als ich nach den Brötchen mein Müesli mischen wollte, strömten plötzlich viele Jugendliche beiderlei Geschlechts in den Saal. Tätowiert, mit Piercing bestückt, die Burschen mit langen, zu Zopf oder „Güpfi“ gebundenen Haaren, während ein, zwei Mädels kahl geschoren waren. Ein paar wenige waren „normal“ gekleidet. Sie suchten alle einen Platz, um ebenfalls zu frühstücken. Ich musste schmunzeln und vergass fast mein Müesli zuzubereiten. Es dauerte seine Zeit, bis alle mit Brötchen, Beilagen, Kaffee oder Tee versorgt waren. Danach wurde gegessen und gefachsimpelt. Da ich bei den geführten Gesprächen nur „Bahnhof“ verstand, klinkte ich mich ein. Aus Gesprächsfetzen hätte ich erfahren, dass sie aus ganz Deutschland stammen und möchte nun wissen, was der Anlass dazu sei. Ein Bursche wurde auserkoren meine Fragen zu beantworten. Sie seien Mitglieder der EXEO- Organisation, die es auch in der Schweiz und anderen Ländern gäbe. Der Verein biete für Schulen, Erwachsene und Firmen verschiedene Arten von Outdoor-, Event- oder Teamförderungs-Kursen an. Sie besuchten hier über das Wochenende einen Weiterbildungskurs für Trainer. Am Abend würden sie aber bereits wieder auf dem Heimweg sein. Sie wollten natürlich auch wissen woher ich komme und was mich hierher führte. Als ich den Grund bekanntgab und von meiner Pfadfindervergangenheit erzählte, gabs ein paar die strahlten und erzählten, aufgrund ihrer Pfadfinder- oder Pionier-Erfahrung (DDR) zu diesem Job gefunden zu haben. Wer weiss, vielleicht für den einen oder die andere Leserin ein Jobhinweis?

Als ich mit meinem Frühstück fertig war, packte ich mein Geschirr auf ein Tablett, wünschte meinen Nachbarn einen erfolgreichen Tag, deponierte alles auf dem vorgesehenen Wagen und begab mich ins Zimmer. Dann ordnete ich mein Bett und bereitete mich für den Spaziergang in den Ort Mölln vor. Einige Zeit später war ich auf dem Weg ins Dorf. Dieser führte zuerst an Einfamilienhäusern mit Seeanstoss vorbei. Er mündete in die Hauptstrasse und leitete mich an eine kleine Anlage, an deren Ende eine Brücke über eine Seeverbindung in den alten Dorfteil von Mölln führte. Da Sonntag war, befanden sich wenig Menschen auf der Strasse. Dafür Sonntagsfahrer mit Fahrrädern, Motorrädern und Autos. Bei einer Verkehrsampel staute sich eine Kolonne von etwa zehn Oldtimer-Cabriolets. Ein herrlicher Anblick und ein herrlicher, satter Ton als sie wegfuhren. Im Dorf orientierte ich mich nach der Beschilderung, die in Richtung Eulenspiegel-Museum, Kirche und altem Dorfteil führte. Leider musste ich feststellen, dass alles noch verschlossen war und nur wenige Touristen den gleichen Gedanken wie ich hatten. So irrte ich kreuz und quer durch die Gassen. Viel hatte der Ort nicht zu bieten ausser unfreundlichen Busfahrern an der Endstation, die es mühsam fanden, Touristen Fragen zu beantworten. Nach etwa zwei Stunden spazierte ich zurück über die Brücke und setzte mich in der Parkanlage auf eine Bank, mit Blick auf den See und die Kirche. Ich entdeckte eine Tafel auf einem Stein, darauf geschrieben stand, dass Rechtsextreme vor einigen Jahren gegenüber ein Haus angezündet hatten, bei dem türkische Bewohner ums Leben kamen. Ich genoss eine Weile die Sonne, bevor ich zur JH zurück ging.

Gegen Abend wanderte ich erneut nach Mölln auf den Kirchenhügel. Dort hatte ich ein griechisches Restaurant entdeckt, in dem ich essen wollte. Es war eine gute Wahl und anscheinend auch den Einwohnern bekannt, denn je länger ich dort sass, um so mehr verringerte sich das Platzangebot. Wohlgenährt wanderte ich nach etwa zwei Stunden in die JH zurück. Hier war alles still. Die Jungs und Mädels der EXEO-Organisation und alle anderen Personen befanden sich bereits auf dem Heimweg. Ich suchte via Telefon eine Person, die mir die Wäschestücke zurück geben konnte. Nach etwa zehn Minuten Wartezeit überbrachte man sie mir. Im Hauptgebäude suchte ich noch Zeitungen und andere Lektüre, um den Abend im Zimmer lesend zu verbringen. Etwa gegen zehn Uhr löschte ich für die letzte Nacht in Mölln das Licht.

Tagesausgaben Sonntag in Euro:  32.50     (Glacé, Eingeklemmtes, Getränke, Nachtessen)

Tages-Etappe:                                                     etwa 5 Km

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Alt-Pfadfinder-Verband Johanniter Basel